Filmkritik: Casino Royale - Der Bond des 3. Jahrtausend ist dem Meer entstiegen
23.November 2006
Daniel Craig ist ein Weichei, ein durchtrainiertes zwar, aber ein Weichei. Echte Kerle wissen, dass echte Kerle - und ein solcher ist das Fossil “Bond, James Bond” nun einmal - Automatikgetriebe als Weiberkram verachten, Pokern können und nie im Leben eine Schwimmweste tragen würden. Auch nicht auf der Themse. Und jetzt? Daniel Craig ist Bond. Nicht der Smoking-tragende Dandy, nicht der technik-verliebte Superheld, nicht der im Vorübergehen tötende Weltenretter. Daniel Craig ist der Agent der im Buch steht: knallhart, austrainiert und er ist nicht unverwundbar. Vielleicht spielt Daniel Craig den authentischsten Bond, den wir bisher auf der Leinwand gesehen haben.
Bond runderneuert
Auf jeden Fall haben die Macher des Films zum rechten Zeitpunkt die Wende geschafft. Über die verschiedenen Besetzungen hinweg wurden die Bond-Filme immer lächerlicher. Immer mehr tödliches Technik-Spielzeug, immer aberwitzigere Verfolgungsjagden, immer bösere Bösewichte. Die treuen Fans wurden mit den üblichen Stereotypen ruhig gestellt. “Q”, der immer auftaucht, wenn der Superheld Technik-Support benötigt. “M”, als besorgt blickender Chef. Oder als Chefin, ein Kniefall vor der Gleichstellungspolitik - eine Zumutung für wahre Fans. Der stupide Spruch “Bond, James Bond” durfte nicht fehlen. Und, nicht zu vergessen, die Bond-Girls, die schon beim Anblick unseres Superhelden in die Laken schmolzen. Lassen wir Moneypenny. Und lassen wir die Martinis. Das Zeug schmeckt furchtbar und knallt erbarmungslos. Hier haben die Macher gründlich entrümpelt, was dringend an der Zeit war.
Eine Wende gibt es auch in der Handlung. Bond-Filme waren immer zeithistorisch beeinflusst. Zu Zeiten der Kalten krieges sahen die Bösen den Russen sehr ähnlich. Oder die Russen lieferten den Bösewichten gleich die atomare Potenz um die westliche Welt zu knechten. In erfolgreicheren Zeiten der Weltraumfahrt bestieg Bond schon mal ein Spaceshuttle zur Rettung der Welt. In “Casino Royale” wird wieder ein zeitaktelles Thema aufgegriffen. Mit dem Kampf gegen den LE CHIFFRE entfernt sich der Film zwar weit von der Romanvorlage, aber das ist auch gut so. Die Bücher von Ian Flemming sind - finde ich - einfach furchtbar schlecht und taugen allenfalls für die Idee der Film-Figur Bond.
Casino Royale
Der Film startet mit einer Rückblende in körnigem Schwarz-Weiss. Im Dokumentarstil wird der neue Bond vorgestellt. Der Tod, den er bringt, kommt schwitzend und langsam. Ein erster Schritt zum Doppelnull-Agenten im Dienste des MI6.
Craigs unverschämte Physis macht die erste, wirklich atemraubende Verfolgungsszene des Films, die zu Fuß abläuft und gänzlich ohne Aston Martin, BMW oder Ferrari auskommt, sehr glaubwürdig. Bond hetzt einen der Bösen irgendwo in Afrika im Stil eines Jump-and-Run-Spiels über den Hindernis einer Großbaustelle. Hut ab. Vor Craig. Oder vor der Stunt-Crew?
Die Handlung steuert konsequent auf das Poker-Duell zwischen Bond und Le Chiffre zu, das fantastisch in Szene gesetzt ist. Auch wer noch nie um größere Beträge eigenen Geldes gespielt hat, kann die Spannung der psychologischen Herausforderung spüren. Und so verzichten die Macher auf weitere spannungtreibende Momente bis auf … . Aber das soll nicht verraten werden. Fernsehzuschauer von Pokermeisterschaften, die von Privatsendern übertragen werden, sind übrigens klar im Vorteil. Sie kennen die Fachbegriffe wie check, hold, raise und all in. Fans der Fernsehserie Balko dürfen sich bei einem kurzen Auftritt von Muttersöhnchen Krappi (Ludger Pistor) amüsieren.
Wenig überraschend ist, dass Bond als lädierter Sieger alle Herausforderungen meistert und auch eine Folter-Episode übersteht. Diese verzichtet auf das letzte drastische Moment, dennoch sei die Frage erlaubt, wie die FSK angesichts dieser Szene Casino Royale ab 12 freigeben konnte.
Zwei dramaturgische Stärken machen Casino Royale für mich zu einem der besten Arbeiten der Bond-Reihe: Bond hat echte Dialoge, klopft nicht nur coole Sprüche oder erklärende Worte, ohne die eine nachfolgende Action-Szene nicht zu verstehen wäre. Und der Film hat eine kunstvoll gestaltete Schlusssequenz, die aufs angenehmste überrascht.
Der Film lässt lässt dabei nicht alle Genre-typischen Lächerlichkeiten aus. Den Fan freut es, andere sollten großzügig drüber weg sehen.
Fazit
Die vielen Kritiker der Journalisten-Voraufführungen, die durch ihre umfassenden Beschreibungen des Films den Gang ins Kino fast überflüssig machen, kommen fast alle zur Schlussfolgerung, dass wir den Bond bekommen (haben), den wir verdienen. Dem kann ich mich nicht ganz anschließen. Daniel Craig spielt den Bond unserer Zeit, er ist beinhart, er blutet. Er ist so austrainiert, dass “echte Kerle” Angst haben müssen, dass ihre Frauen in diesen Film (statt Sex in the City zu gucken) gehen und daheim einen kleinen Vergleich anstellen
. In “Casino Royale” sehen wir einen der ersten echten Kerle des beginnenden 3. Jahrtausends. Dieser Bond blutet nicht nur, er zeigt glaubhaft Gefühle und er hat sich von vielen verstaubten Stereotypen seiner Vorgänger befreit. Und er küsst, und wie!
Für echte Kerle
mag Daniel Craig ein Weichei sein. Im Kino aber spielt er den neuen, den neu erfundenen Bond brilliant. Ein echter Schauspieler eben, kein ehemaliger Milchwagenfahrer. Ich freue mich jedenfalls auf den nächsten Film und hoffe, dass die Macher nicht wieder in alte Sünden zurück fallen. Und Schurken, die den Drehbuchschreibern als Vorlage für die nächste Runde dienen können, haben wir ja leider im Übermaß zu beklagen.
Links
stern vom 4. November 2006 - Und er ist doch ein Mann
stern vom 9. November 2006 - Pokerface mit Hang zur Monogamie
DIE ZEIT vom 16. November 2006 - Brutal und verschwitzt
BILD vom 23. November 2006 - 007 ist 00Sex!
bewegte Bilder
Artikel gespeichert unter: Standpunkt.e, Filmkritik
bisher 1 Kommentar Eigenen Kommentar schreiben
1.
Bianca | 23.November 2006 at 17:23
Gute Kritik.
es heißt übrigens “raise” nicht race
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