Rechtsrock auf youtube in den Medien - eine absurde Verbotsdiskussion

15.März 2008

In Deutschland - auch in deutschen Redaktionen - ist man schnell bei der Hand mit Verbotsforderungen. Es bedarf nur des öffentlich-erregenden Anlasses, schon ist der Ruf nach der Patentlösung da. So trifft es mit schöner Regelmäßigkeit Videos bei Youtube, in denen rechtsradikale Musik („Rechtsrock“) mit rassistischen, nationalistischen oder schlicht Menschen verachtenden Bildern unterlegt ist.

Was die Hauptsache dieser Videos ist, ist dabei nicht immer eindeutig: Die rechtsradikalen Texte oder die Bilder. Egal. Vor dem Urteil sollte jedenfalls der eigene Eindruck stehen.

Ich bin auf diese Fragen aufwerfenden Youtube-Videos vor längerer Zeit durch den Artikel “Politik will gegen Nazi-Videos vorgehen” des Berliner Tagesspiegels aufmerksam geworden. Alles, was man braucht, um diese Videos zu finden, nennt der Artikel ungefiltert und – wie ich meine – unreflektiert. Insbesondere stimmt nachdenklich, dass die Bandnamen, nach denen die Videos verschlagwortet sind, aufgelistet werden.

Welcher Normalbürger kennt schon die Namen einschlägiger Bands? Für verführbare Jugendliche wird es so doppelt attraktiv, sich dieses durch Verbotsforderungen nachgewiesen anrüchige Material anzusehen.Trotz des empörten Untertons sind solche Artikel letztlich Werbung für die Inhalte, die sie berechtigterweise anprangern.

Oberflächliche Recherche

Was mich wirklich geärgert hat, war die Oberflächlichkeit, mit denen die Geschichte recherchiert war. Es reicht nicht, auf die Zugriffszahlen der Videos zu schauen und daraus zu schließen, dass ebenso viele Menschen damit erreicht werden. 2.000 Zugriffe bedeuten nicht 2.000 Menschen, sondern dass eine unbekannte Zahl von Personen das Video angesehen hat. Wie oft einzelne das wiederholt getan haben, ist aus den reinen „Hits“ nicht abzulesen. Zudem sind Zugriffszahlen von 2.000 bei Youtube am Rande der Bedeutungslosigkeit. Zum Vergleich: Videos zum Schlagwort Bowhunting (Jagd mit Pfeil und Bogen) weisen regelmäßig sechststellige Zugriffszahlen auf.

Wie auch immer, ich habe mir die Videos angesehen und bin zu der Meinung gekommen, dass eine Verbotsforderung absurd ist. Die meisten Inhalte sind durch den rassistischen Inhalt, das Dritte Reich verklärende Texte oder Bilder nach geltendem Recht (in Deutschland) ohnehin verboten. Ein Verbot wäre wie ein Gesetz, das bekräftigt, dass man an einer roten Ampel auch wirklich anhalten muss, wie es in der Straßenverkehrsordnung steht.

Wenn man sich das, was bei Youtube an Rechtsrock angeboten wird, etwas eingehender ansieht, stößt man auf mehrere Ebenen, die es zu betrachten gilt: Das Bildmaterial, die Liedtexte und die Kommentardiskussionen.

Bei den meisten Videobildern handelt sich nach meinem Eindruck um Amateurmaterial, das von „Fans“ insbesondere aus Dritte-Reich-Propaganda-Filmen, abgefilmten CD-Covern, alten Wochenschauen, Fernsehberichten und Dokumentationen rechtsradikaler Umzüge zusammen geschnitten ist. Bei keinem der Videos hatte ich den Eindruck, dass ein Video-Profi Hand angelegt hätte. Das lässt vermuten, dass die Videos nicht zu verwechseln sind mit professioneller rechtsradikaler Öffentlichkeitsarbeit. Hier sind in Mehrheit offenkundig Jugendliche am Werk, die Videos am heimischen PC zusammenstellen. Indiz dafür, dass es sich um wenige Personen handelt, sind die häufigen Wiederholungen des verwendeten Bildmaterials: Aufmärsche, Filmaufnahmen von Soldaten bei Schauvorführungen, vorrückende Soldaten in Heldenpose usw. und usw. Letztlich all diese Bilder, mit denen das unbefleckte Heldenbild des plichtbewussten deutschen Soldaten hoch gehalten wird. In diesen Sujets lebt der Mythos des tapferen Frontsoldaten, des Landsers ungebrochen weiter. Eine differenzierte Auseinandersetzung mit der Rolle der Wehrmacht im Dritten Reich sollte man allerdings in diesem Kontext auch nicht erwarten.

Visuelle Totalausfälle und auch Indikator für verblendete Urheber sind in die einige Videos eingebundenen Bilder einschlägig rassistischer Websites, mit denen anhand von äußerst abstoßenden Bildern nicht-weißer Menschen bei fragwürdigen sexuellen Handlungen offensichtlich die Überlegenheit der weißen Rasse belegt werden soll. Allein solche Bilder aus dem Weltnetz herauszusuchen, rückt die Autoren solcher Videos in ein erhellendes Licht.

Das Liedgut selbst muss man sich in Ruhe anhören. Blendet man die Videos aus, stellt man fest, dass die meisten Bands ihr Metier beherrschen. Die Musik selbst ist anhörbar und die Musiker beherrschen mehr als die sprichwörtlichen drei Akkorde. Wer harte, schnelle Musik mag, wird die einschlägigen Bands jedenfalls nicht rundheraus ablehnen. Die Texte sind ein anderes Kapitel: Die in Teilen verfassungswidrigen Inhalte hier wiederzugeben, verbietet sich von selbst. Soviel immerhin lässt sich sagen: Was die meisten Stücke gemeinsam haben, sind Refrains, die man auch nach größerer Mengen „doitschen“ Bieres mühelos mitsingen oder skandieren kann. Meistens wird ein Dreiklang deutsch-nationaler Begriffe angestimmt. Was mich überrascht hat, war der relativ zurückhaltende Kult von Persönlichkeiten des Dritten Reiches, deren Untaten bei Nürnberger Kriegsverbrecherprozess abgeurteilt wurden.

Diskussionen in den Kommentaren

Ein wesentlicher Punkt des Youtube-Erfolgsgeschichte ist die Möglichkeit, Videos zu bewerten und zu kommentieren. Das, was in den Kommentaren zu Rechtsrock-Videos los ist, öffnet den Blick auf eine Szene, die sich im Schutze der Anonymität ungebremst austobt. So etwas zu tolerieren (und zu ertragen), stellt das Recht auf freie Meinungsäußerung auf eine äußerst harte Probe.

Zahlenkodizes und Szenesprache

Da wimmelt es von scheinbar kryptischen Zahlenpaaren, von deutschen Grüßen und Lobpreisungen auf den Braunauer Gefreiten, der Deutschland dreizehn Jahre Schreckensherrschaft und sechs Millionen jüdischen Mitbürgern den Tod brachte. 88, 14. Sehr häufig verwendet. 88 ist schnell „entschlüsselt“: Der achte Buchstabe des Alphabets ist das H, zweimal HH ergibt das Heil auf den Führer. Nicht sonderlich kreativ und es gehört auch nicht wirklich Mut dazu, so etwas anonym zu „posten“.

Die 14 hat es schon etwas mehr in sich. Die Zahl steht für „fourteen words“, die da lauten: „We must secure the existence of our people and a future for White children.“ Oberflächlich übersetzt hat das so etwas von „Wir haben die Erde nur von unseren Kindern geborgt.“ Nur heißt es korrekt nicht „unsere Leute“ oder „unser Volk“, sondern „unserer Rasse“. Die Fourteen Words sind zudem die Kurzfassung einer Sammlung rassistischer Aussagen von David Eden Lane. Sich zu dieser Ideologie zu bekennen, geht über die reine Provokation hinaus. Mit solchen Zahlencodes zu operieren ist jenseits aller politischen Unschuld und auch nicht mehr als Ausdruck juveniler Rebellion tolerierbar. Wer sich offensiv zu 14 Words bekennt, stellt sich für mich in unmittelbare Tradition der Rasseideologie des Dritten Reiches.

Bei oberflächlicher journalistischer Recherche bleibt – was durchaus nachvollziehbar ist - keine Zeit, sich mit den Kommentardiskussionen zu befassen. Sonst wäre mit Sicherheit aufgefallen, dass sich dort auch Anhänger des KKK zu Wort melden. Der Klan scheint lebendig zu sein.

Was tun?

Auch wenn die Verbotsforderung für mich absurd ist, stellt sich die Frage, wie mit diesen Inhalten umgegangen werden soll. Am einfachsten wäre es, die Videos zu löschen, nur steht dem entgegen, dass das Recht auf freie Meinungsäußerung in den USA, wo die Sever stehen, weiter gefasst wird. Aber die rechten Aktivisten liefern gleich die Anleitung mit, wie man der Löscherei entgegen wirkt: Runterladen und gleich wieder unter neuem Namen hochladen. Redundante Datenhaltung ist nicht sonderlich schwer - und das Runterladen mit Downloadhelper kinderleicht.

Ein anderes Kapitel sind die Kommentare. Die Urheber zu ermitteln wäre sicher möglich, nur stellt sich hierbei die Frage nach der Verhältnismäßigkeit der Mittel. Zusätzlich entsteht Spannung durch die Grundsätze des Datenschutzes. Würde man anfangen, jeden Kommentar zu löschen, der nicht 100%ig geltendem Recht entspricht, wäre es mit der Meinungsfreiheit im Internet schnell vorbei. Der Missbrauch des Rechtes auf freie Meinungsäußerung durch einige Enthemmte darf nicht zur Aushöhlung dieses Rechtes für alle führen.

Wichtiger als das Instrumentarium der Strafverfolgung und das Umsetzen von Verboten zu bemühen, scheint mir eine breite öffentliche Diskussion über das Dargebotene. Leider hat sich – so mein Eindruck – mit Blick auf Rechtsradikalismus eine regelrechte Kulturwende vollzogen zu haben. Statt danach zu streben, Rechtsradikalen mit Argumenten die Stirn zu bieten, erklärt beispielsweise die neu gewählte Juso-Bundesvorsitzende im Interview mit der tageszeitung (2. Dezember 2007) „Mit Nazis wird nicht diskutiert” sowie “Ich finde, der Satz Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen sollte auch im politischen Umgang gelten.” Und das soll es gewesen sein? Ist das nicht imKern die Abkehr von demokratischer Diskussionskultur? Ähnlich befremdlich ist für mich die Debatte, die im störungsmelderblog der ZEIT geführt wird und die Frage aufwirft, ob man denn mit Neonazis diskutieren dürfe.

Wer so argumentiert, stellt für mich seine demokratische Grundhaltung in Frage. Ich habe bisher jedenfalls immer geglaubt, dass ein friedliches Miteinander nur möglich ist, wenn man miteinander redet, statt die Fäuste fliegen zu lassen. Wenn ich mir aber die große Zahl von Graffiti in Berlin ansehe, in den “Nazis zerschlagen”, “Nazis aufs Maul” usw. gefordert wird, fürchte ich, dass eine friedfertige Grundhaltung nicht von allen geteilt wird.

Links

rechtsradikale Codes
Bundeszentrale für politische Bildung - Neonazis auf YouTube
Tagesspiegel vom 21. November 2007 - Riefenstahl und Rechtsrock
Bericht des Berliner Verfassungsschutzes über rechtsextreme Musik, Bericht als PDF herunterladen


Artikel gespeichert unter: Standpunkt.e, Politik

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