Barack Obama in Berlin - Ich war am 24. Juli auf dem 17. Juni dabei

26.Juli 2008

Der Versuch, mich eine Stunde vor der Obama-Rede [NYT] noch bis zur Siegessäule durchzuschlängeln, scheiterte kläglich. Schon auf halber Wegstrecke war Schluss, die Reihen der Zuschauer fest geschlossen. Dank der Fan-Meilen erprobten Organisatoren war das verschmerzbar. Es waren ausreichend Video-Wände aufgestellt. Vorn an der Goldelse war die Ami-Dichte noch größer als in meiner Nachbarschaft: Eine Gruppe von US-Wissenschaftlern, die es als nette Dreingabe zu ihrem Berliner Fachkongress empfanden, ihren nächsten Präsidenten wahlkämpfen zu sehen. Zumindest für sie war es erkennbar eine Herzenssache, George Walker Bush nicht mehr im Weißen Haus sehen zu müssen.

Es muss nicht wirklich wundern, dass die berichterstattenden Medien die Stimmung dieser perfekten Inszenierung nicht in Gänze einfangen konnten. Die Konzentration galt ganz der Rede, das Rahmenprogramm nebensächlich. Klar, Patrice und Reamonn taten ihr Bestes. Aber wirklich nötig wären die Auftritte nicht gewesen. Das Mädel neben mir meinte, der Sänger höre sich an wie dieser Typ, der „Supergirl“ gesungen habe. Mein Hinweis, das sei Reamonn traf auf Unverständnis. Soviel zur Bekanntheit deutscher Musikgrößen. Beiden Band war anzumerken, dass es wohl doch einen Unterschied macht, vor 15.000 Festival-Besuchern oder 200.000 auf dem 17. Juni aufzutreten. Ich fand es sehr sympathisch, da zwei auf der Bühne zu sehen, die angesichts eines historischen Moments weiche Knie bekamen.

Und für mich war es ein historisches Ereignis. Da kommt ein Präsidentschaftskandidat nach Berlin, der - was kein Geheimnis ist - ohne außenpolitische Erfahrung ist und rockt den 17. Juni. Klasse. Chapeau. Wiese historisch? Das hat etwas mit Berlin und auch mit Obama zu tun.

Die Berliner sind ja nun nicht gerade als lebensbejahend bekannt und suchen eher das Haar in der Suppe, als dass sie es finden. In der anderen Waagschale liegen dafür so mitreißende Eigenschaften wie eine fast kindliche Neugier und das Gespür für Ereignisse, von denen man später stolz seinen Kindern erzählen kann. So man denn dabei gewesen ist. Die Kundgebung nach 9/11 war so ein Moment. Gerd Schröder musste damals nur noch die Stimmung in Worte fassen. Mit dem „wir versichern Ihnen unsere uneingeschränkte Solidarität“ ist ihm das vollendet gelungen. Wenige Monate später drückten die Berliner ebenso machtvoll ihr Unbehagen gegen den Einmarsch amerikanischer Truppen in den Irak aus. Statt der erwarteten 20.000 Menschen strömte fast eine halbe Million auf dem 17. Juni zusammen.

Im Grunde genommen muss man Obamas Organisationsteam zu dieser stieseligen Berliner Senatsverwaltung beglückwünschen, die diesen charismatischen Mann die Kulisse des Brandenburger Tors verwehrte. Die mächtigen Bilder für diesen fulminanten Wahlkämpfer bildeten nicht die historisches Bauten, sondern die unglaubliche Masse von Berlinern und Berlin-Touristen aus aller Welt, die einfach mit neugieriger Freundlichkeit zu diesem Event strömten. Klar, allen war bewusst, dass sie Kulisse waren. Aber was soll‘s? Wann kann man sich schon einen Eindruck von einem Menschen machen, der sich für das Amt des mächtigsten Mannes der Welt bewirbt?

„Thank you, thank you, thank you.“ Senator Obama hatte es nicht leicht, mit seiner Rede zu beginnen. Zu groß die Begeisterung direkt am Stern. Und dann der Einstieg. Er stellt gleich klar, als was er spricht. Als Bürger, als Weltbürger (fellow-citizen). Die Menschen um mich rum hören konzentriert zu. Klatschen an den Stellen, die ihnen zusagen. Kaum Missfallensbekundungen - dafür ist die Rede auch zu glatt. Was nicht passt, wird einfach dem eigentlichen Adressaten - den amerikanischen Wählern - zugeordnet. Für nahezu alle ist eine Passage dabei, die beifällig aufgenommen wird. Auch für die Aktivisten von B90/Die Grünen, die mal wieder Sticker mit einem knackigen Slogan verteilen. Bei der Anti-Irak-Einmarsch-Kundgebung laute der Slogan „Old Europe“, heute ist es „Yes, we can … change the climate. Join in.“

Die Rede war geprägt von Ideen, von eingängigen Bildern und Anspielungen auf historische Berliner Reden. Allein die Vorstellung, eine solche Rede im deutschen Wahlkampf hören zu müssen, lässt mich grausen. Aber die Senator Obama ist Amerikaner und dortzulande wird nun mal anders Wahlkampf geführt. Was für uns schnell wie hohles Pathos klingt, nimmt man diesem Mann einfach ab. Es klingt ehrlich. Und man sollte diese Rede ohne deutsche Übersetzung hören. Dann wird besser spürbar, was mitschwang. Obama verströmte Optimismus, warb für Veränderungen, mahnte zur Übernahme von Verantwortung.

Und er hat gespürt, was viele seiner Landsleute bei ihren Berlin-Besuchen mitbekamen: Die Stimmung einer weltoffenen Stadt, deren Bürger sich sammeln, wenn ein historischer Moment gekommen ist. Die Straße des 17. Juni ist ein großartiger Ort, der binnen weniger Stunden von einer Hauptverkehrsader zu dem mutieren kann, was die Berliner gerade daraus machen wollen. Und die einfach stolz darauf sind, Teil der Masse zu sein, deren Bilder in die Welt gehen.

Mehr Infos: 

Barack Obama - Hoffnung wagen: Gedanken zur Rückbesinnung auf den American Dream
Barack Obama - Dreams from My Father: A Story of Race and Inheritance
… und hier das Obama-in-Berlin-Top-Merchandising-Produkt: T-Shirt Barack Obama, Berlin

Teil 1/3

Teil 2/3

Teil 3/3

Artikel gespeichert unter: Politik, Berlin

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