Islam: Endlich wieder beleidigt, endlich wieder auf die Straße …
16.September 2006
Endlich ist es wieder soweit: Muslime und Muslimas in aller Welt können sich wieder beleidigt und herabgesetzt fühlen. Ja, der Feind hat sich wieder gezeigt, dieses Mal in Gestalt von Papst Benedikt. Natürlich kann man sich das nicht bieten lassen, da muss man protestieren und Entschuldigungen einfordern. Aber halt, was der aktuelle Inhabers des heiligen Stuhls denn nun gesagt, das die Gemüter in der islamischen Welt so erhitzt? Der Papst hat In seiner Vorlesung in der Regensburger Universität einen Dialog kommentiert, den der gelehrte byzantinische Kaiser Manuel II. Palaeologos 1391 im Winterlager zu Ankara mit einem gebildeten Perser über Christentum und Islam und beider Wahrheit geführt haben soll. Hier ein kurzer Auszug:
“Der Kaiser hat wohl während der Belagerung von Konstantinopel zwischen 1394 und 1402 den Dialog aufgezeichnet; so versteht man auch, dass seine eigenen Ausführungen sehr viel ausführlicher wiedergegeben sind als die Antworten des persischen Gelehrten. Der Dialog erstreckt sich über den ganzen Bereich des von Bibel und Koran umschriebenen Glaubensgefüges und kreist besonders um das Gottes- und das Menschenbild, aber auch immer wieder notwendigerweise um das Verhältnis der “drei Gesetze”: Altes Testament Neues Testament Koran. In dieser Vorlesung möchte ich nur einen im Aufbau des Dialogs eher marginalen Punkt behandeln, der mich im Zusammenhang des Themas Glaube und Vernunft fasziniert hat und der mir als Ausgangspunkt für meine Überlegungen zu diesem Thema dient. In der von Professor Khoury herausgegebenen siebten Gesprächsrunde (Kontroverse) kommt der Kaiser auf das Thema des Djihad (Heiliger Krieg) zu sprechen. Der Kaiser wusste sicher, dass in Sure 2, 256 steht: Kein Zwang in Glaubenssachen es ist eine der frühen Suren aus der Zeit, in der Mohammed selbst noch machtlos und bedroht war. Aber der Kaiser kannte natürlich auch die im Koran niedergelegten später entstandenen Bestimmungen über den Heiligen Krieg. Ohne sich auf Einzelheiten wie die unterschiedliche Behandlung von Schriftbesitzern und Ungläubigen einzulassen, wendet er [der Kaiser] sich in erstaunlich schroffer Form ganz einfach mit der zentralen Frage nach dem Verhältnis von Religion und Gewalt überhaupt an seinen Gesprächspartner. Er sagt: “Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, das er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten“. Der Kaiser begründet dann eingehend, warum Glaubensverbreitung durch Gewalt widersinnig ist. Sie steht im Widerspruch zum Wesen Gottes und zum Wesen der Seele. “Gott hat kein Gefallen am Blut, und nicht vernunftgemäß zu handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider. Der Glaube ist Frucht der Seele, nicht des Körpers. Wer also jemanden zum Glauben führen will, braucht die Fähigkeit zur guten Rede und ein rechtes Denken, nicht aber Gewalt und Drohung… Um eine vernünftige Seele zu überzeugen, braucht man nicht seinen Arm, nicht Schlagwerkzeuge noch sonst eines der Mittel, durch die man jemanden mit dem Tod bedrohen kann…” Der entscheidende Satz in dieser Argumentation gegen Bekehrung durch Gewalt lautet: Nicht vernunftgemäß handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider. Der Herausgeber, Theodore Khoury, kommentiert dazu: Für den Kaiser als einen in griechischer Philosophie aufgewachsenen Byzantiner ist dieser Satz evident. Für die moslemische Lehre hingegen ist Gott absolut transzendent. Sein Wille ist an keine unserer Kategorien gebunden und sei es die der Vernünftigkeit. Khoury zitiert dazu eine Arbeit des bekannten französischen Islamologen R. Arnaldez, der darauf hinweist, dass Ibn Hazn so weit gehe zu erklären, dass Gott auch nicht durch sein eigenes Wort gehalten sei und dass nichts ihn dazu verpflichte, uns die Wahrheit zu offenbaren. Wenn er es wollte, müsse der Mensch auch Idolatrie treiben. Hier tut sich ein Scheideweg im Verständnis Gottes und so in der konkreten Verwirklichung von Religion auf, der uns heute ganz unmittelbar herausfordert. Ist es nur griechisch zu glauben, das vernunftwidrig zu handeln dem Wesen Gottes zuwider ist, oder gilt das immer und in sich selbst? Ich denke, dass an dieser Stelle der tiefe Einklang zwischen dem, was im besten Sinn griechisch ist und dem auf der Bibel grundenden Gottesglauben sichtbar wird.”
Dieser Auszug zeigt unzweifelhaft, dass es sich um eine theologische Vorlesung über einen Diskurs zweier Gelehrter des 14. Jahrhunderts handelt, der auch im Zeithorizont zu betrachten ist. Die Verwendung wörtlicher Zitate ist immer problematisch, da sie sich leicht herauslösen lassen. Legendäres Beispiel für so einen Fall ist die Rede Philipp Jenningers, der als Präsident des deutschen Bundestages 1988 versuchte, die Ursachen der Begeisterung der Deutschen für den Nationalsozialismus durch einen zitatengespickten Vortrag zu erklären, den er so missverständlich hielt, dass sein Rücktritt unvermeidbar war. Beim Vortrag des Papstes ist die Situation aber eine gänzlich andere. Hier werden die Zitate korrekt eingeleitet und abgeschlossen. Eine Verquickung mit der Neuzeit ist ausgeschlossen, da der zitierte Kaiser auch noch erklärt wird. Gewalt zur Verbreitung des Glaubens abzulehnen zeugt zudem davon, dass auch ein christlicher Kaiser sich eindeutig von der Mentalität der Kreuzfahrer entfernt hat.
Fazit: Wer sich durch diese Vorlesung beleidigt fühlt, sieht sich wohl primär in seiner Erwartungshaltung bestätigt. Abgesehen davon ist es manchmal nicht schlecht, sich den kompletten Text anzusehen, bevor man Plakate malt und auf die Straße rennt. Das hätte bei den dänischen Karikaturen gut getan, gilt jetzt aber noch umso mehr, da keine Provinzzeitung sondern der von vielen als “Heiliger Vater” verehrte Papst angegangen wird. Die Lektüre des Vorlesungstextes sei auch den eilfertigen “Experten” angeraten, die sich gern - überzeugt von der Bedeutung ihrer eigenen Person - vor die Kameras stellen oder sich in den Feuilletons ausbreiten.
Links
Quelle des Redeauszüge bei n-tv: http://www.n-tv.de/710667.html
Lombardi erklärt Papstrede Vollständie Rede bei der Süddeutschen Zeitung
Vollständig Rede mit englischer und italienischer Übersetzung auf der Website des Vatikans (Anmerkung des Vatikans: Der Heilige Vater hat sich vorbehalten, diesen Text später mit Anmerkungen versehen zu veröffentlichen. Die vorliegende Fassung ist also als vorläufig zu betrachten.)
taz vom 16.9.06 Die Vernunft für sich gepachtet (Rudolph Walter)
Der Papst hat recht! Von MICHAEL BACKHAUS BAMS 17.9.06: Es war Ausfluss von Altersweisheit, dass Benedikt XVI. die umstrittenste Passage seiner Regensburger Rede wegen ihrer Wirkung bedauert hat. 
Papst-Kontroverse: Muslime nehmen Entschuldigung an (stern vom 18.9.2006)
Eine Orgie der Entrüstung: Erst die Dänen, jetzt der Papst: Es steht zwei zu null für die Fundamentalisten (Henrik M. Broder / Der Tagesspiegel vom 20.9.06)
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bisher 8 Kommentare Eigenen Kommentar schreiben
1.
Jens | 17.September 2006 at 10:53
Aus Ihrem Text läasst sich aber auch herauslesen, dass Sie sich anscheinend auch ganz schön beleidgt fühlen, wenn man mit sachlicher Kritik den Papst angreift. Ein sehr einseitiger Text, meiner Ansicht.
Ich denke auch, dass er wirklich einen fehler begangen hat. Er hat nun mal - im Gegensatz zu einfachen Demonstranten- eine Vorbildfunktion. Der Papst selber siehst dies wohl auch so. Schließlich hat er sich bereits für seine Äußerungen entschuldigt.
Fazit:Ich hoffe, dass sich beide Seiten nun wieder beruhigen
Viele Grüße
Jens
2.
admin | 17.September 2006 at 11:07
@Jens
Nun, als Atheist bin ich in dieser Sache schwer zu beleidigen. Ihr Eindruck täuscht also. Ich bin auch in keiner Weise gegen sachliche Kritik. Was mich stört ist die Haltung vieler Menschen, sich zu dieser Sache allzu spontan zu äußern und im Zeifelsfall mit aller Vehemenz zu positionieren, ohne die Quelle gelesen zu haben. Für mich ist es absurd, einen Satz aus der Rede herauszuklauben und dann zu verlangen, der Papst solle sich für ein Zitat entschuldigen, dass einem Menschen des 14. Jahrhunderts zugeschrieben wird. Entschuldigen könnte er sich allenfalls für mangelnde diplomatische Geschmeidigkeit.
In der Rede ging es mitnichten darum, den Islam niederzumachen, sondern Grundprinzipien der Glaubengeschichte der Religionen darzulegen. Dass diese Debattenrichtung von empörten Islamisten nicht gesehen wird, ist bedauerlich, aber auch nachvollziehbar. Die meisten unserer sog. Experten haben die Rede auch entweder nicht gelesen oder den Gedankenkern nicht nachvollzogen. Der Mann ist nun mal Dogmatiker und kein so bodenständiger Prediger wie sein Vorgänger.
Lutz
3.
Jens | 17.September 2006 at 11:27
Hallo Lutz,
vielen Dank für die Antwort. Habe den Text wohl wirklich falsch verstanden.
Einfach einen Satz aus dem Kontext herauszuklauen ist in der Tat falsch.
Doch der Papst wird nun mal von allen Seiten rund um die Uhr beobachtet und hat - ich verstehe das auch nicht - einen großen Einfluss auf viele Menschen. Daher muss er noch mehr bedenken welche Äußerungen er von sich gibt und hätte dies evtl. auch Wissen können bzw. sollen.
Es ist doch eigentlich klar, dass einfache Menschen nicht den ganzen Text lesen können oder werden und daher die Rede evtl. misinterpretieren.
Daher denke ich, dass es falsch dieses Bibelzitat zu bringen. Keine Religion darf behaupten, dass sie besser sei. Aber ich weiß: Das ist wohl Idealismus..
Ich finde den Streit allerdings um ein Bibelzitat auch mehr als schwachsinnig
Schönen Sonntag
Jens
4.
Mr. Love | 19.September 2006 at 00:09
Moin zusammen,
mir scheint, dass dieses ganze Beleidigtsein der sogenannten “Muslimischen Welt” nur ein Vorwand ist, um Gewalt gegen Andersgläubige zu rechtfertigen, auf die man sowieso schon lange Lust hat.
Immerhin hat Mohammed gesagt, dass die, die ohne Glauben sind, niedriger stünden als das Vieh und dass seine Anhänger losgehen sollen und Ungläubige umbringen.
Das und andere schlimme Dinge lassen sich leicht im Koran nachlesen.
Die Muslime wollen mit Respekt behandelt werden? Dazu haben sie das Recht. Aber sie haben nicht das Recht, sich beleidigt zu fühlen, nur weil sie oder ihr Glaubenssystem Kritik ausgesetzt ist.
Und sie haben schon garnicht das Recht, mit Gegenbeleidigungen, Puppenverbrennungen, Anschlägen, Morden und so weiter zu reagieren.
Ich wünsche mir Frieden, aber nicht den Frieden durch Unterwerfung, den der Islam bietet. Und Unterwerfung ist genau das, was nun wieder vom Pabst verlangt wird: Er soll den Kopf senken und sagen, dass er ein Bisschen doof ist. Und dass er Angst vor den starken und klugen Muslimen hat.
Hoffentlich bleibt er bei seiner Haltung, dass der Fehler bei den anderen liegt, denn das ist die einzig richtige.
Und vielleicht lernen “Die Muslime” dann auch irgendwann einmal das Verzeihen und dass ihre Religion nur eine unter vielen ist. Ich verzeihe ihnen jezt schon einmal, dass sie es nicht besser wissen.
Friede sei mit Euch
5.
Theresa | 04.Oktober 2006 at 21:59
Hi!
Ich find es etwas komisch, dass die meisten Muslime so reagieren. Freunde von mir, die auch Muslime sind (Türken), aber fließend Deutsch sprechen und auch hier zur Schule gingen, haben so überhaupt nicht reagiert. Sie blieben ganz ruhig, auch bei den dänischen Karikaturen.
Damals meinte bereits ein andrer Freund von mir, dass manche Regierungen die Muslimen noch anstacheln.
Dann bleibt doch nur die Frage, wie man effektiv dieses Missverständnis klären kann.
Ich finde, dass das am Schwierigsten ist. Denn wenn der Papst sich jetzt auch noch dem Druck durch die Muslimen beugt, wird es meiner Meinung nach noch schlimmer. Dann werden auch in Zukunft bei solchen Ausseinandersetzungen die Leute, die eigentlich im Recht sind, den Kopf einziehen und die Wahrheit wird nicht mehr beachtet.
Andererseits sieht es so aus, als würden die Muslimen so lange weiter machen, bis der Papst seine Worte zurückgenommen hat. (und ob dann wirklich alle aufhören?)
Ich möchte in dieser Situation wirklich nicht mit dem Papst tauschen. Ich kann mich einfach nicht entscheiden, welcher Weg der Richtige ist.
Gibt es denn einen Mittelweg?
6.
Surinamer | 06.Oktober 2006 at 23:05
@Jens: Was denn fürn Bibelzitat? BIbelzitate kommen in dieser ganzen Geschichte nun wirklich überhaupt nicht vor. Das ist schon der zweite Kommentar zu diesem Artikel deinerseits, der Voreingenommenheit vermuten lässt und nahe legt, dass du weder die Rede noch den Text hier wirklich aufmerksam gelesen und verstanden hast! Traurig!
7.
admin | 07.Oktober 2006 at 08:51
@Theresa
Man muss wohl sehr genau hinsehen, wer da alles auf die Straße rennt und Flaggen abfackelt. Die heftigsten Fernseh-Bilder kommen aus Ländern, in denen tiefe innere Probleme den Alltag der Menschen bestimmen. Die Aufstachelung zum Protest dient dort wohl leider auch dazu, die eigenen Bürger von den inneren Problemen abzulenken. Brot und Spiele in einer islamistischen Variante? Zugegeben, das war jetzt polemisch, aber wer sich mal eine Demonstration von beleidigten Muslimen wie der hier in Berlin gegen die Karikaturen angesehen hat (http://www.lutzsindermann.de/blog/?p=9), kann sich dieses Eindrucks nicht ganz erwehren. Derartige Agression eint und das gemeinsame Aufpeitschen mit “Gott ist groß”-Rufen entfaltet eine unglaubliche Dynamik.
Mittelweg: Ja, natürlich gibt es den und der heisst Dialog.Genau so wie es der Papst fordert und umsetzt. Genau so, wie Minister Schäuble es mit der Islam-Konferenz begonnen hat. Wir dürfen nur nicht erwarten, dass sich alle auf einmal wieder lieb haben und alles schön ist.
Der Dialog der Religionen und der Kulturen steht - und das überrascht wirklich - noch ganz am Anfang. Und das ist eine Sache, bei der wir ale gefordert sind. Und nicht nur “die” Politik und Religionsvertreterinnen und -vertreter.
Ich habe als ersten Schritt angefangen, den Koran zu lesen. Ich will einfach wissen, was in dem Buch steht, dass Allah offenbart hat. Keine leichte Lektüre und etwas anstrengend, weil mir als Ungläubigem ja in fast jeder Sure die unerträglichsten Qualen vorausgesagt werden. Aber vielleicht habe ich den Text ja auch einfach noch nicht richtig verstanden.
8.
Theresa | 21.Oktober 2006 at 19:09
@ Admin: Hey, vielen Dank! Find ich ne gute Idee.
Ich fürchte nur, vorher sollte ich doch mal die Bibel lesen…..
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