World Trade Center: Versuch einer Filmkritik
03.Oktober 2006
Die Dringlichkeit der Tickermeldung, dass ein Flugzeug ins World Trade Center (WTC) gestürzt war, ließ schlagartig fast alle anderen Nachrichtenmeldungen am 9. September 2001 von den Monitoren verschwinden. In den Agenturmeldungen spiegelte sich die weltweite Verwirrung wider. Niemand konnte, wollte fassen, was in diesen Stunden passierte. Hirn und Herz wehrten sich mit allen Sinnen gegen das Sichtbare. Die Medienbilder dieser menschengewollten Tragödien und der tief empfundene Schrecken sind Teil der kollektiven Erinnerung der Menschheit geworden. Immer noch ist die weltweit übertragene Katatrophe zu entsetzlich, um den Schrecken wirklich nachspüren zu können, der jeden einzelnen betroffenen Menschen im WTC ereilte. Oliver Stone macht wohl auch deshalb gar nicht erst den Versuch, mit den nach wie vor unerträglichen Bildern von den einstürzenden Zwillingstürmen zu arbeiten. In seinem Film “World Trade Center” rasen die Flugzeuge nicht in die Türme; nur einmal ist ein Schatten zu sehen.
Was passiert im Film? Die Geschichte des Films wird aus der Perspektive von wenigen Personen und ihrer Familen erzählt. Die Menschen gehen zur Arbeit, wie jeden Tag. Sie tun all die kleinen alltäglichen Dinge, ein ruhiger Fluss des Lebens. Als ein Unfall im World Trade Center passiert, machen sich auch die Polizisten der NY-Hafenpolizei auf den Weg zu helfen. John McLaughlin (Nicholas Cage) hat nach dem ersten Anschlag 1993 die Notfallpläne mitgestaltet und besitzt deshalb exakte Kenntnisse des Gebäudekomplexes. Alle Bemühungen, seine Einheit möglichst gut in den Evakuierungseinsatz zu führen, enden mit dem Einsturz des Gebäudes. Begraben unter den Trümmern bleiben von dem Trupp nur zwei Polizisten übrig, die eingequetscht eine lange Zeit des Wartens nur miteinander sprechen können, ohne sich zu sehen. Und sie bleiben - wie nicht anders möglich - ohne Information, was eigentlich passiert ist. Keine Fernsehbilder, keine helfende Einordnung von Experten, was von den Ereignissen zu halten ist. Was bleibt ist die vage Hoffnung, gerettet zu werden und die Angst, von weiteren herabstürzenden Trümmern endgültig erschlagen zu werden.
Auf der anderen Seite zeigt der Film die Familien der Verschütteten. Derer, die Gewissheit haben über den Tod von Angehörigen und derer, die noch Hoffnung haben. Die Familien scharen sich umeinander, erfahren Zuspruch von Gemeindemitgliedern. Völlig außen vor bleiben (im ganzen Film) patriotische Symbole. Keine Flagge, um die man sich schart, keine Nationalhymne. Mit viel Geschick zeigt Stone am individuellen Leid das unbegreifbare Ausmaß des massenhaften Leides. Als John’s Familie in einem Krankenhaus in einen Warteraum tritt, trifft sie auf eine Unzahl von anderen, genauso aus dem ruhigen Fluss des Lebens herausgerissenen Menschen. Dieses Motiv von Einzelpersonen, die auf größere Gruppen mit dem gleichen Schicksal treffen, verwendet Stone bis zur tief bewegenden Schlussszene immer wieder und schafft es, eine Eindruck von der Stimmung von 9-11 zu einem Zeitpunkt zu vermitteln, als Osama Bin-Laden noch nicht als Drahtzieher der Terroranschläge bekannt war. In vielen kleinen Einstellungen schafft es der Film auch, den Zuschauern zu vermitteln, wie eng die Menschen damals zusammen standen, sich halfen und wie wichtig gerade in der Rückschau die manchmal hilflos wirkenden Hilfsaktion psychologisch waren. Es gab eine uneingeschränkte Solidarität.
Fazit: Stone hat einen ruhigen, fast unaufgeregten Film über den furchtbarsten Terroranschlag der Gegenwart geschaffen. Der unerwartete Verzicht auf patriotische Motive mit ihren klaren Gut-Böse-Konfliktlinien gerät zur absoluten Stärke von World Trade Center. Leider sind einige Szenen eingebaut, die bei der Illustration von Nah-Tod-Erfahrungen etwas über’s Ziel hinaus schießen und aus meiner Sicht verzichtbar (und furchtbar kitschig) sind. Klasse besetzt ist mit Maggie Gyllenhaal eine der weiblichen Nebenrollen. Der Film zeigt, was man so relativ kurze Zeit nach 9-11 zeigen kann. Mehr nicht. Und das sollte man gesehen haben.
Video
Der offizille Film-Trailer
Mitschnitt einer euronews-Übertragung vom Word Trade Center vom 11. September 2001
9 | 11 Tribute
Created for the one year anniversary of the World Trade Center attacks on September 11, 2001. Never forget. United We Stand. This video was made in 2002 B ENTERTAINMENT All footage of the people was shot by me. Any footage of the actual incident is from TV.
WTC witnesses to explosions
Artikel gespeichert unter: Standpunkt.e, Filmkritik
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